Blindverkostung: Pro und Contra

Der Gault Millau WeinGuide kombiniert offene und verdeckte Verkostungen, um dadurch die Vorteile beider Systeme zu nutzen. An dem Thema scheiden sich die Geister. Jürgen Mathäß versucht, beide Positionen auf den Punkt zu bringen.

Pro

Die Reaktion ist unvermeidlich: Wer ein Etikett sieht, wird - bewusst oder unbewusst - in seiner Entscheidung beeinflusst und kann nicht vollkommen neutral verkosten. Wenn es selbst für professionelle Verkoster schwierig ist, subjektive Eindrücke bei der Bewertung von Wein zurückzudrängen, sollte man nicht noch zusätzlich weitere Beeinflussung provozieren. Niemand kann im Ernst behaupten, seine Bewertung sei gleich, egal, ob der Wein eines berühmten Erzeugers oder eines völlig unbekannten
vor ihm auf dem Tisch steht.

Natürlich hat Weinverkostung immer eine subjektive Komponente. Deshalb haben Fachleute bestimmte Regeln für Verkostungen festgelegt. Nur wenn eine Gruppe von Experten ohne Kenntnis des Erzeugers und anderer Details eine Bewertung durchführt, ist das Ergebnis so objektiv es eben geht.

Wer offen verkostet, verschenkt ohne Not die Chance, unvoreingenommen zu bewerten. Oder will man das gar nicht, weil man seinem eigenen Gaumen nicht traut? Im Übrigen wird auch die Chance verschenkt, sich weniger angreifbar zu machen. Der Konsument trinkt den Wein in den meisten Fällen ohne Vorkenntnis der Lage, der Arbeitsweise des
Winzers oder dessen Vorjahresbewertung. Wäre es nicht nahe liegend, ähnlich zu verfahren und nur den Wein im Glas für sich sprechen zu lassen?

Sicher ist: Wer ohne Verdacht auf Vorurteile behaupten will, die zehn besten
Rieslinge Deutschlands auszuwählen, muss sie blind aus einer Reihe herausfinden
können.

Contra

Jeder bringt Vorkenntnisse in sein Urteil ein, auch wenn professionelle Verkoster persönliche, private Vorlieben aus dem Spiel halten. Wer behauptet,
Verkostung wissenschaftlich exakt zu betreiben, täuscht Unmögliches vor.

Kulturkritik erfordert Kenntnisse, bleibt aber immer zum Teil subjektiv. Beurteilen Architekturkritiker Bauwerke ohne Kenntnis des Architekten oder Kunst-, Musik- und Literaturkritiker Werke ohne Kenntnis des Künstlers? Testet ein Restaurantkritiker ohne Kenntnis des Kochs? Kein Mensch würde diesen Unsinn verlangen. Seriöse Kulturkritik
lebt vom konkreten Urteilsvermögen der Person des Kritikers, nicht vom Gesetz der großen Zahl »neutraler« Betrachter. Die Blindprobe nimmt einen Großteil des Wissens und der Erfahrung des Verkosters mit Winzern, Lagen und Reifepotenzial aus der Weinbeurteilung. Sie trägt erfahrungsgemäß dazu bei, dass Blender oder Kraftprotze gewinnen und Grazien verlieren.

Verdeckte Verkostungen machen Sinn, wenn Gleichartiges verkostet wird. Wer sich ein Bild des aktuellen Weinsortiments eines Weingutes durch Blindverkostung
machen will, hat schon von der Logik her ein echtes Problem. Warum
nur verkosten Kritiker der offenen Bewertung, die »nur blind probieren«, so fleißig auf Messen und Präsentationen? Tragen sie wider besseres Wissen ein Banner vor sich her, nur weil ein Teil des Publikums es verlangt? Die Urteile mancher »Experten« werden übrigens nicht besser und professioneller, wenn sie blind oder offen zustande kommen.

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